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Vorbereitung für den Endspurt

Distanz: 16.3km

Dauer: 3:48h

Durchschnittsgeschwindigkeit: 4.3 km/h

Temperatur: 18 Grad

Viehzäune: 49

Der letzte Tag des Erholungsdrittel stand heute auf dem Programm. Unsere verschiedenen Quellen haben unterschiedliche Kilometer für die heutige Etappe auf Lager. So sind wir etwas verwirrt, wobei es für uns eigenlich keinen Unterschied mehr macht, ob wir nun 17 oder 24km laufen müssen.

Es gibt aber noch eine kleine Anekdote von gestern Abend, die ich Euch nicht vorenthalten möchte. Mögt ihr Euch noch an den Pfeil erinnern, den Julia und ich gestern auf dem Weg platziert haben? Er hat genau seine Wirkung entfaltet. Wir trafen gestern am Abend noch die aus Manchester. Sie haben uns erzählt, dass sie in Gesprächen vertieft am Pfeil vorbeigelaufen sind und so bemerkt haben, dass sie wieder mal auf ihr GPS schauen müssten. So konnten wir sie davor bewahren, sich zu verlaufen.

Wie immer stehen wir früh auf. Bereits vor 7 Uhr sind wir täglich aus den Federn und machen uns dann für die Etappe fertig, packen unsere Taschen, füllen unsere Wasserflaschen auf. Dann geht es zum Morgenessen. Jeden Tag ist es eine neue Überraschung, wer sonst noch im Speisezimmer sitzt und was genau auf dem Buffet parat steht. Gibt es Nature Joghurt oder nicht? Für Julia ist das eine sehr wichtige Frage! Wir kennen die meisten der anderen Wandergruppen mittlerweile mindestens vom Sehen. Aber mit einigen sind wir bis jetzt noch nicht weiter ins Gespräch gekommen. Das Morgenessen bietet dazu immer wieder neue Möglichkeiten… Heute Morgen treffen wir zuerst auf eine kanadische Familie. Ein Vater, eine Mutter mit einer Tochter, die wir auf Mitte 20 schätzen sind zu dritt unterwegs. Kurz nach uns kommt ein australisches Päärchen an unseren Tisch. Er ist gerade pensioniert und sie arbeitet noch als Hebamme im Spital in Melbourne. Sie setzte sich neben Julia und nahm gleich extrem viel Platz in Anspruch. Wir unterhielten uns dann aber sehr gut mit den beiden.

In der Nacht und am Morgen hat es etwas geregnet und der Himmer ist immer noch sehr stark bewölkt. Der Start in den Tag ist dann auch entsprechend harzig: Nach 300 Meter müssen wir anhalten. Julia montiert ihren selbstgebastelten Blasenschutz für ihren rechten kleinen Zeh wieder ab. Diesen hatte sie aus Schwämmen und Tape selbst konstruiert. Er hat aber noch mehr Druch auf ihren Zeh ausgeübt! Kritische Worte von meiner Seite wurden natürlich ignoriert. Ich nutzte die kurze Pause um die Socken nochmals straff zu ziehen – ich laufe heute (wahrscheinlich das letzte Mal) mit den nervigen Trekkingsocken. Dann geht es los. Wir geben Gas. Und bald müssen wir wieder stoppen. Diesmal bin ich es, der einen Halt verlangt. Der Regenschutz hat sich als überflüssiges Ding herausgestellt, denn Wasser fällt keines mehr vom Himmel. Julia läuft dennoch weiter mit der Regenjacke!

Dann geht es wirklich los! Wir laufen in einem flotten Tempo über Felder und durch Wälder. Die Hochmoore der letzten Tage sind definitiv Vergangenheit. Die Umgebung wandelt sich einmal mehr in wenigen Kilometern. Der nasse Boden macht uns aber zu schaffen. Da es weiterhin viele Steine und Steinstufen auf dem Weg hat (auf einem Abschnitt sind es angeblich 300 an der Zahl, die früher die Nonnen gebaut haben sollen!) rutschen wir immer wieder aus: Wie ein Auto, dessen Reifen keine Haftung finden und durchdrehen. Ich habe gestern zudem mir ein Aussenband am Knöchel etwas gezerrt und das spüre ich ständig beim Laufen.

Dann plötzlich passiert es. Zugegebnermassen unerwartet. Nichts ahnend. Ein Schaf (nicht ein junges, weisses, sondern ein etwas älteres, braunes und völlig durchnässtes) steht nicht wie seine Artgenossen rechtzeitig auf und galoppiert davon, als wir uns nähern. Nein – es bleibt liegen. Und das noch in Reichweite meiner Arme. Bevor ich mein Glück überhaupt richtig fassen kann, strecke ich blitzschnell meine rechte Hand aus. Diese landet auf dem Rücken meines Opfers und ich ziehe mit einem Strich die Hand zurück an meinen Körper – durch das Fell des Schafes. Mission erfüllt. Und ja: es ist wirklich eine sehr, sehr flauschige (wenn auch wetterbedingte), wenn auch nasse Angelegenheit.

Tierisch ging es auch sonst den ganzen Tag zu und her. Neben den obligaten Schafen und Kühen durften wir heute auch viele Hasen (lebendige!) beobachten. Manch einer dieser hoppelnden Zeitgenossen vergnügte sich weniger als 5 Meter vor uns auf der Strasse. Dann gab es auch noch Eichhörnchen und ein Moorhuhn auf dem Weg. Dieses versteckte sich gerade am Rand des Weges im hohen Gras. Wir haben vor ein paar Tagen erfahren, dass demnächst die Jagdsaison für die Moorhühner eröffnet werden soll. Man darf sie schiessen, aber ihnen Fallen stellen ist verboten.

Neben den tierischen Begegnungen hatten wir auf den ganzen 17km keine Weiteren gemacht. Wir haben uns ab und zu gefragt, ob die anderen Wanderer einen anderen Weg aufgrund des Wetters genommen haben oder ob wir wirklich wie ein Ferrari durch die Landschaft preschen?

Bereits vor 13 Uhr erreichen wir das Tagesziel Richmond. Ein wirklich süsses Städtchen. Es ist die grösste Siedlung, die wir auf unserem Coast to Coast Walk durchqueren. Wir arbeiten unsere Routine ab: 1. Einen schönen Tea Room suchen. 2. Einen Kaffee für Julia bestellen (Americano). 3. Sandwiches für beide bestellen. Wir sitzen ein paar Minuten gemütlich und ich lese die News aus der Schweiz. Bevor wir wieder aufbrechen, muss Julia noch aufs WC. Es dauert länger, bis sie zurückkehrt. Sie erzählt mir, dass eine ältere Frau, es nicht schaffte, die WC-Türe zu öffnen! Dann beschliessen wir, das Castle und die Stadt zu erkunden. Es ist mal spannend etwas anderes zu entdecken. Das Castle stammt aus dem 11 Jahrhundert. Entsprechend ist auch nicht mehr viel übrig. Das Tagesselfie entsteht so ausnahmsweise mal nicht beim Wandern. Da wir erst nach 15.30 Uhr einchecken können, suchen wir uns ein weiteres Kaffee aus, in dem wir ein bisschen Verweilen können. Es ist irgendwie komisch. Wir bewegen uns seit 2.5 Stunden um den Marktplatz, aber bekannte Gesichter haben wir fast keine gesehen.

Endlich ist es soweit und wir suchen unser Guesthouse auf. Hier ist es sehr unpersönlich. Die Organisation fürs morgige Frühstück wirkt fast ein bisschen kompliziert. Wir sind gespannt, was uns morgen früh erwarten wird. Es hiess, wir sollen auf einem Zettel ankreuzen, was wir gerne essen würden. Julia schrieb auf, dass sie gerne braunen Toast hätte (auf dem Zettel hiess es eben, es gäbe nur Weissen!). Ich hätte gerne mein Rührei mit Speck (Zur Auswahl stand nur: ein volles englisches Frühstück oder nur eine Eierspeise). Nach einer warmen Dusche ruhe ich mich noch ein bisschen aus, während Julia ihren Zeh begutachtet. Ihr kleiner Zeh existiert praktisch nicht mehr. Er besteht nur noch aus einer Blase! Sie übt sich in Badezimmerchirurgie und klebt dann ein neues Blasenpflaster darum.

Nach unzähligen Besuchen in den verschiedensten Pubs, können wir so langsam den Pubfood nicht mehr sehen und freuen uns, dass es hier im Städtchen eine grössere Auswahl an Restaurants hat. So gehen wir heute italienisch essen und geniessen unsere Pasta als Stärkung für den morgigen Tag.

Morgen kommt die längste Etappe: Fast 40 Kilometer erwarten uns. Von vielen anderen Mitwandern hören wir, dass sie fast „Angst“ vor diesen haben. Ein paar haben heute extra schon ein paar Zusatzkilometer gemacht, dass sie morgen nicht mehr so viel wandern müssen. Wir schauen dem Ganzen ziemlich entspannt entgegen – nichts, dass man nicht schaffen kann.

2 Antworten

  1. Sepp

    Das ist kein Hase, sondern ein Kaninchen (kurze, statt lange Ohren) .

    Juli 10, 2019 um 6:00 am

    • Sorry, bin ein Stadtkind. Hat lange Ohren, hoppelt herum = Hase 😉

      Juli 10, 2019 um 6:04 am

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