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Der Highway nach Reeth

Distanz: 17.6km

Dauer: 4:27h

Durchschnittsgeschwindigkeit: 3.9 km/h

Temperatur: 19 Grad

Viehzäune: 6

Das zweite Drittel unserer Reise, ist bekanntlich durch kürzere und leichtere Etappen geprägt. Dafür bleibt uns jeweils auch mehr Zeit an den jeweiligen Zielorten zu verweilen. Trotzdem haben wir uns entschieden, dass wir Keld so schnell wie möglich verlassen und weiterziehen wollten. Das einzige Hotel im Ort – wo wir auch übernachteten – schien aus der Zeit zu stammen, als diese Region einer der Schlüssel für die industrielle Revolution war. Auf alle Fälle sind wir froh, als wir gegen 08h45 unser mit Spinnweben besetzte Zimmer wieder in die Obhut der Spinnen übergeben können.

Anmerkung Julia: Die Spinne, die ich nach dem Duschen im Bad angetroffen hatte, lag abends tot neben dem WC. Ich war erstaunt, dass sie so schnell starb. Sämi hat mir gerade vorhin erzählt, dass er sie umgebracht hatte!!!

Die Wanderschuhe holen wir aus dem Heizraum, wo eine alte, stinkende Ölheizung ihren letzten Dienst erweist. Dort treffen wir auch auf die Deutsche, die ihrerseits ihre Wanderschuhe auch holt. Doch stellt sie ernüchternd fest, dass sie auch heute mit nassen Schuhen unterwegs sein werde. Den W-Lan Zugang bezahlen wir mit einer 2£ Spende an die Mountain Rescue der Yorkshire Dales (typischerweise stehen in England überall Spendentöpfe für Royal Lifeboats, Mountain Rescue oder Ähnliches herum). Nachdem es am Abend ein paar wenige Tropfen geregnet hat, ist das Wetter zwar kühler aber trocken.

Wir stehen vor zwei Optionen: 1. die „lower“ Route durch das Swaledale. 2. Die „higher“ Route über das Melbecks Moor. Unser kleines Reisebüchlein prophezeit, dass die „lower“ Route nicht wirklich einfacher sei. So entschliessen wir uns, unserem Grundsatz treu zu bleiben und möglichst der Originalstrecke zu folgen. Wir betreten den „High“way. Da die Etappe recht kurz ist, scheinen die meisten Coasttocoaster später aufzubrechen. Nur Mark steht schon vor seinem Bed&Breakfast und verabschiedet sich von uns. Ja, seine „Boots“ liessen die Weiterwanderung einfach nicht zu. Etwas vor uns sind noch die beiden aus Manchester. Nach ihren harten Erfahrungen der letzten Tage, wollen sie sich möglichst viel Zeit für jede Etappe nehmen. So übernehmen Julia und ich die Führung der heutigen Karawane. An einer besonders kniffligen Stelle, wo wiedermal von einem Wegweiser oder irgendwelchem Hinweis abgesehen ist, dass der Weg dort eine wichtige Kreuzung beinhaltet, beschliessen wir das Heft selbst in die Hand zu nehmen. Kurzerhand machen wir auf der Schotterpiste, bei der ganz klein und schwierig der Coast to Coast Way wegführt, einen grossen Pfeil mit Steinen auf die Strasse. Wir sind halt gute Wegführer!

Der Highway entwickelt sich sehr schnell zu einem „Highway des Todes“. Alle paar hundert Meter stossen wir auf tote Kanichen in verschiedenen Verwesungsstadien. Es ist fast schon ein bisschen beängstigend. Wir sehen aber auch ein paar (noch) lebende. Meistens springen sie weniger Meter vor uns panisch über den Weg. Dieser ist auch heute angenehm. Ein Abschnitt wurde sogar erst im letzten Monat neu gemacht. So bleiben uns heute Moore und Sümpfe erspart. Anmerkung Julia: Ich fragte mich, warum so viele Kaninchen hier den Tod finden. Auf den breiteren Wegen wurden sie möglicherweise überfahren, sonst weiss ich nicht, ob andere Tiere sie ausnehmen und die Überreste dann einfach an Ort und Stelle lassen. Zum Weg: Meistens war er heute sehr angenehm. Es gab aber doch ein paar Krakselstellen, bei denen ich mich sehr konzentrieren musste.

Das Highlight der High Route sind die Bleiminen. Es ist wirklich diesbezüglich ein beeindruckendes Gebiet: Offenbar haben bereits die Römer hier nach Blei gesucht. Und während der industriellen Revolution war der hiesige Bleiabbau auf seinem Höhepunkt und für die Industrialisierung von Grossbritannien von zentraler Bedeutung. Heute zerfallen die alten Minen und Schmelzen. Es ist schwer vorstellbar, wie die Leute hier hinten gearbeitet und gelebt haben – wie ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen sein mussten… Heute zeugen Ruinen noch von diesen Zeiten. Zudem sieht es in diesen Gebieten aus, wie auf einem eigenen Mond. Bereits aber kurz vor zwei ändert sich die Umgebung. Die Moore weichen grünen Wiesen. Wir steigen ins Tal nach Reeth ab. Dort passiert es. Eine kleine Unachtsamkeit und wir kommen von unserem eigentlichen Weg ab. Stattdessen landen wir auf einem Pfad, der von Brennesseln und Brombeersträuchern überwuchert ist. So schnell kann es gehen (und der Preis wird sofort bezahlt). Wir loben uns, dass wir jeden Tag lange Hosen anhaben (was keine Selbstverständlichkeit ist: die meisten Leute bevorzugen hier kurze Hosen).

Wir entdecken Reeth. Viele kleine, süsse Steinhäuser umsäumenen eine grosszügige Grünfläche. Wir entschliessen uns, dass wir ein paar Karten schreiben und in einem Tearoom unser obligatorisches Sandwich und Julias Kaffee zu uns nehmen. Dabei donnern mit Blaulicht und Sirenen die Fahrzeuge der Mountain Rescue an uns vorbei, kurz gefolgt von einer Ambulanz. Sie gehen auf den Weg in Richtung Moor. Wir hoffen, dass niemand von unseren Wanderfreunden ein Problem bekommen hat.

Eines der zentralen Learnings der letzten zwei Tage ist die absolute Wichtigkeit der Socken. Wir haben beide den Typ unserer Socken gewechselt. Julia trägt Armeesocken (welche ich normalerweise präferiere) und ich trage so super moderne Trekkingsocken (was normalerweise eher an Julias Käsedingern zu finden ist). Sie hat nach wenigen Kilometern Schmerzen an den vorderen Fussballen. Es brennt. Genau das, war mein Problem. Dafür musste ich heute einen aktiven Kampf gegen mögliche Blasen an den Füssen führen. Mehrmals öffne ich die Schuhe und ziehe die Socken straff oder verändere ihre Position, weil ich immer wieder den Verdacht hatte, dass sich eine Blase bildet. Insgeheim wundern wir uns über Leute (wie die Deutsche), die den ganzen Weg nur mit einem Paar Socken laufen. Anmerkung Julia: Während Sämi sich die Socken in die richtige Position zupfen musste, habe ich mir Tape unter die Ballen geklebt, sodass es keine weitere Reibung geben kann. Wir beide behielten die Oberhand im Kampf gegen die Blasen! Ich werde ganz sicher wieder zu meinen Trekkingsocken zurückkehren.

Die letzten zwei Tage waren gut zum Erholen. Zwar haben wir (noch) keinen Muskelkater und nur Julia hat eine kleine Blase unter dem rechten kleinen Zeh. Wir sind aber durchaus müde. Und so nutzen wir unser frühes Ankommen, um uns auch wieder richtig zu erholen. Die Hälfte des Weges ist nun geschafft. Das letzte Drittel, in dem die längsten Etappen folgen werden, steht uns aber noch bevor.

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