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Grande finale

Distanz: 11.72 km + 18.22 km

Dauer: 2:21h + 3:57h

Durchschnittsgeschwindigkeit: 5 km/h + 4.6 km/h

Temperatur (max): 17 Grad + 21 Grad

Viehzäune durchquert: 21

So…heute ist unser letzter Tag, bis wir die andere Küste nach 300km endlich erreichen! Heute erwartet uns nochmals eine lange Etappe – über 30km. Dazu kommen noch einige Höhenmeter, die zu passieren sind, bevor wir unsere Steine der Nordsee überlassen können. Ob wir es schaffen? Ob wir es nach all den Strapazen der letzten Tage nochmals fertig bekommen, unsere Beine auf diese Etappe zu schicken?

Erstaunlicherweise haben wir beide gut geschlafen. Wir hatten am Abend vorher so spät gegessen – wir mussten im Pub eine geschlagene Stunde auf unser Essen warten. Ich fing fast an zu weinen. Ich konnte nicht mehr. Ich hatte Hunger und sah, wie alle anderen mit Essen bedient wurden. Ich war drauf und dran zu fragen, welches Gericht denn am schnellsten zubereitet werden könnte. Ich wollte einfach nur essen und ins Bett. Ich war müde und mein rechter Mittelfuss schmerzte, er war geschwollen. Aber Sämi hielt mich davon ab und lehrte mich Geduld auszuüben. Anmerkung von Sämi: „Sei Gedulig und behalte stets die Nerven“, sprach schon Konfuzius.

Mit Sudokus lenkten wir uns ab. Endlich wurde unser Essen an den Tisch gebracht. Endlich!!! Ich muss sagen, es war dann wirklich fein. So ein gutes Stroganoff habe ich auswärts noch nie gegessen. Anmerkung von Sämi: Ich glaube, dass die Qualtität des Stroganoff in erster Linie ein psychologischer Effekt war. Meine Fish and Chips waren Fish and Chips – nichts dass eine Stunde Wartezeit rechtfertigen würde. Und meine Nerven – mit einer Maslowschen getriebenen Julia neben mir… Im Prinzip hätten sie mir das Essen bezahlen müssen.

Unsere feine Malzeit haben wir regelrecht verschlungen. Schnurstracks sind wir dann aber ins Bett gehüpft. Ich habe mir Sorgen um meinen Fuss gemacht und gehofft, dass ihm die Nachtruhe auch gut tut.

Wie gewohnt stehe ich um 6 Uhr auf. Meinem Fuss geht es um Welten besser. Ich bin so froh! Am Frühstückstisch lernen wir ein Päärchen aus Hong Kong kennen. Sie sind fasziniert, wie schnell wir unterwegs sind. Sie machen unterwegs nie Pausen, während wir uns gerne mal ein Stündchen Mittagspause mit einem Käffeli gönnen und kommen dann immer noch vor ihnen am Ziel an. Gestärkt, brechen wir zackig auf. Ich lege gleich mit dem Tempo los. Sämi fragt mich, ob ich den Bergpreis der „Tour de Coast to Coast“ gewinnen möchte. Ich gebe nur zurück, ob es zu schnell sei. Er verneint und ist glaube ich froh, dass wir nicht schleichen! Anmerkung von Sämi: Julia Schumacher, kann ich da nur sagen. Während es durchaus in den letzten Tagen Etappen gab, wo wir nahezu durch die Moore geschlichen sind, hatte sie nun den Overdrive eingeschaltet. Das wäre nicht weiter schlimm. Aber: Am Morgen hat es geregnet. Und der Weg war weiterhin gepflastert von Steinen, die nun wirklich rutschig wurden.

Zuerst haben wir ein Waldstück zu durchqueren, bevor wir dann an einer Wiese mit lauter Kälbern vorbeikommen. Schon von weitem hören wir extrem lautes Muhen. Die Kälber schreien schlichtweg im Chor. Sämi stellt sich vor das Gatter und alle Kälber bewegen sich langsam muhend auf ihn zu. Es wird ihm dann doch ein bisschen mulmig und wir ziehen weiter. Anmerkung von Sämi: Wer schon mal ca. 50 Kälber, die in einem Halbkreis um einen herumgestanden sind und gleichzeitig (wirklich gleichzeitig) muhen, weiss, das ist einkomisches Gefühl…

Dann sehen wir, wie der Bauer mit Fressen auf die Wiese fährt. Jetzt ist uns klar, warum es den Kälbern so schlecht ging. Sie waren so hungrig wie wir gestern Abend! Wir kommen noch an einem alten Zollgebäude vorbei. Die Preisschilder für den Wegzoll sind noch angeschlagen: So kostete es 1948 (!) über ein Pfund hier mit einem Leichenwagen durchzufahren…

Das nächste Städtchen, das wir erreichen ist Grosmont. Dort planen wir einen Stopp im Coop einzulegen, um unsere Wasserreserven für den Tag aufzufüllen. Wir kommen im Städtchen an, sehen dass die paar Tea-Rooms noch geschlossen sind und schauen uns um, wo der Coop sein könnte. Ich gehe dann auf einen Mann zu und frage ihn. Er deutet auf einen Laden, der aussieht, als sei er ein „Tante-Emma Laden“. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass das ein Coop ist. In diesem mini Coop bunkern wir Wasser. Die Einwohner von Grosmont versammeln sich unterdessen am Bahnhof: ein Dampfzug soll bald hier vorbei fahren – das Grossereignis des Tages? Von da an gings für uns bergauf, und zwar für geschlagene 3 Kilometer. Da wir auf der Strasse bergauf laufen konnten, finde ich die Steigung nicht so schlimm. Ich denke zurück an eine Steigung der ersten Tage, bei der ich zuerst noch einen festen Tritt finden musste, um mich abstossen zu können. Anmerkung von Sämi: Genau diese Steigungen finde ich dafür das Letzte. Es ist so, als hätte man Punkt A mit Punkt B verbinden wollen und einfach ein Lineal darfür benutzt – egal wie es mit den Höhenkurven aussehen würde. Über 35% Steigung auf einer Teerstrasse! Da vergeht einem sogar der Spass beim Rauflaufen…

Während wir hochrennen (ja, man kann wirklich fast sagen, dass wir am Rennen sind) überholen wir den einsamen Australier. Ich weiss nicht, ob wir ihn eigentlich schon einmal erwähnt haben. Er ist mit Sack und Pack alleine unterwegs und trägt auch immer sein ganzes Gepäck mit sich. Läuft aber nicht in wirklichen Trekkingkleidern, sondern im Hemd. Sämi findet, er sieht aus wie der letzte Fallschirmspringer. Ich glaube, er hat ein Burn out und ist dabei sich zu erholen. Auf die Frage, was er nach diesem Trail machen wird. Weiss er keine Antwort. Er möchte noch ein bisschen in England bleiben und dann wird er eine weitere Wanderung auf sich nehmen. Über Moorfelder steigen wir ab ins Tal. Dort endet offiziell die eine Etappe. Unsere heutige Etappe besteht eben wiedermal aus 2 Teilen! Wir starten unsere Uhren neu und laufen los. Für mich ist es extrem wichtig zu wissen, wieviel Kilometer breits vorbei oder eben noch zu laufen sind.

Im Reiseführer stand, dass dieser letzte Teil der Strecke, die schönste Etappe sein wird, weil sie ein bisschen von allem enthält. Sie startet mit einem wunderschönen Waldstück. Ich liebe es durch die grünen Wälder zu laufen. Es fühlte sich an, als wären wir in einem Märchenwald. Anmerkung von Sämi: Man wartet förmlich darauf, das irgendwo ein Kobold herausspringt…

Nach 2 Kilometern gelangen wir zu einem Wasserfall, der mich irgendwie an den Film „The Beach“ erinnert. Dort mitten im Wald steht ein zuckersüsses (Anmerkung von Sämi: Oh ja, süss im wahrsten Sinne des Wortes: all dieser Zucker, den die dort täglich verarbeiten…) Kaffee mit ganz vielen frischen Kuchen. Ich bestelle mir gleich einen Kaffee (war ja klar!) und einen Fruit Scone. Mmmh… dieses Gebäck ist so lecker. Ich werde es, wenn wir zurückkommen bald nachbacken! Sämi sucht sich 2 verschiedene Stücke Zitronenkuchen aus (Anmerkung von Sämi: Die haben offenbar mein Rezept für Zitronenkuchen kopiert – Frechheit). Am Tisch neben uns sitzt das Paar aus Melbourne. Sie dachten, dass wir sie einholen werden. Sie sind nämlich schon morgens nach 7 Uhr gestartet. Vom Waldkaffee sind sie auch ziemlich schnell wieder auf dem Weg. Wir lassen uns hingegen noch ein bisschen Zeit! Anmerkung von Sämi: Merke – zwei Zitronenkuchen auf einen Schlag zum Mittagessen resultieren in einen wunderbaren Zuckerschock (diese Weisheiten sollte ich mal für mich gesondert aufschreiben, sonst vergess… -oh, was wollte ich sagen?)

Das schöne Waldstück ist bald zu Ende und das nächste Drittel – die Moorlandschaften – heisst es zu durchqueren. Dort überholen wir sie dann wieder! Wir ziehen nun davon. Unser Ziel ist es, einfach bald anzukommen ohne lange herumzutrödeln. Anmerkung von Sämi: Julia war auch auf diesem Teilstück vorne, wie schon im ersten Teil der Etappe – ohne Karte, ohne GPS. Ich überlasse es euch selbst das Resultat auszumalen. Nur ein paar Stichworte: ist das der richtige Weg? Wollen wir es uns nicht einfacher machen? Ich übernehme nun die Führung! Anmerkung Julia: Ja… einmal im Moor habe ich plötzlich den Weg nicht mehr gesehen und bin ein bisschen abseits davon gelandet.

Nach den Mooren – zum Glück gibt es heute nicht mehr so sumpfige Stellen – kommt der Küstenabschnitt. Schon 6 Kilometer vor Robin Hoods Bay kommen wir zur Küste und müssen einen kleinen Weg dem Meer entlang laufen. Es ist hier, wo sich der Kreis zur ersten Etappe schliesst, bei der man nach dem Start ja auch dem Meer folgt. Ich muss mich zusammenreissen, da es noch 6 Kilometer geht! Ich weiss auch, wenn wir in Robin Hoods Bay landen, müssen wir zuerst einchecken, bevor wir runter ans Meer laufen können. Gesagt, getan! Wir deponieren schnell unsere Taschen in unserem Zimmer und stapfen die steile Strasse des touristischen Städtchens hinunter. Ganz herzige Lädelchen säumen die Strasse.

Wir haben aber keine Zeit zu bummeln. Das Meer wartet. Das Päärchen aus Hong Kong kommt mit uns am Meer an. Am Meer laufen mir nur noch die Tränen der Erleichterung und Freude runter. Wir haben es geschafft! Wir sind von einer Küste zu anderen gelaufen! Ich bin bis heute noch nie 12 Tage am Stück gewandert. Unglaublich! Topolino und Duda werden zuerst noch fotografiert, bevor wir sie einer nach dem anderen der Nordsee überlassen. Nach ein paar Fotos, setzen wir uns in die Wainright’s Bar, wo wir auf die anderen Coast-to-Coaster warten. Im ersten Stock der Bar hat es zudem ein Buch, in dem wir uns eintragen, dass wir den Weg in 12 Tagen geschafft haben!

Dann stossen wir – ich mit Prosecco und Sämi mit Wainright’s Bier – an. Langsam langsam schaffen es dann auch die Australier und auch die aus Manchester. Die Frau flucht wie ein Rohrspatz, als sie ankommt. Was für Ferien waren das überhaupt! So einen Mist habe ich schon lange nicht mehr gemacht! Wir lachen, stossen an, snacken was. Ich spüre die 2 Proseccos sehr schnell… muss nun aber wieder den Hügel hoch zu unserem B&B. Puh… es wart hart! Nun gibt es eine schnelle Dusche, denn ganz bald treffen wir uns mit dem Päärchen aus Manchester zum Abendessen. Dabei entscheiden wir uns auch, dass wir morgen den Zug schon früher nach Manchester nehmen werden. Die Geschäfte haben eben dort bis um 17.30 Uhr offen und wir würden gerne bei ein paar Läden vorbeischauen.

Müde fallen wir um halb 11 ins Bett. Es ist komisch zu wissen, dass nun alles vorbei ist. Ich könnte eigentlich weiter laufen. Ich habe Mühe, dass wir wieder in den Alltag zurückkehren. Es war wunderschön und ich würde jederzeit eine solche Reise wieder in Angriff nehmen. Danke, mein Liebster, für dieses grosse Geburtstagsgeschenk!

Epilog und Danksagung – was am Ende übrigbleibt

Die Wanderung von Julia und mir quer durch England war ein grosses Abenteuer. Ehrlich gesagt: Wir sind nicht an unsere Grenzen gekommen. Aber: Ich kann mir nichts besser vorstellen, um Seele, Hirn und Muskeln in den Einklang zur bringen. Ich habe in den letzten Wochen viel Zeit gehabt, über das Leben nachzudenken und habe endlich mal die Zeit gehabt für mich ein paar Entscheigungen zu treffen.

Die Reise war unglaublich: unglaublich schön, unglaublich anstregend (trotz allem). Wir hatten viel Glück: sehr gutes Wetter, keine Verletzung, fast keine Blasen, keine gesundheitlichen Probleme. Und so endet es. An dieser Stelle bleibt nur noch danke zu sagen:

An Julia – dass sie mich immer erträgt und bei meinen Spinnereien (wie diese Reise) mitmacht

An Leiti – dass er den Laden in meiner Abwesenheit gut im Griff hatte (glaube ich zumindest)

An Rooven und Bao – für das Training in den letzten Monaten: Die Fortschritte seit Schottland waren unwahrscheinlich gross

An unsere Mitreisenden – für die vielen Lacher und tollen Gespräche

An Euch – für das Lesen dieser Spinnerei!

Liebste Grüsse

Julia & Sämi

P.S. Mein Wanderschuh ist durch…

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