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Vom Wind und fliegenden Zecken

Distanz: 27.8 km

Dauer: 5:45h

Durchschnittsgeschwindigkeit: 4.8 km/h

Temperatur (max): 19 Grad

Viehzäune: 11

Wenn wir einen Preis für die unspannenste, ja fast schon langweiligste Etappe vergeben müssten, die heutige Etappe würde mit viel Abstand gewinnen. Sie hatte landschaftlich wirklich sehr wenig zu bieten und das Wetter hat mal noch kurz gezeigt, was man so unter englischem Wetter alles verstehen könnte. Wir sind dafür jetzt am Vorabend der letzten Etappe. Aber mal der Reihe nach.

Nach der bayrischen Begrüssung von unserem Abholservice und Gastgeber, geht es auch weiter unenglisch am Abend zu und her. Wir essen im Pub an welches das B&B angegliedert ist. Es ist wirklich eine Wohltat für den Magen, denn wir bekommen ausnahmsweise mal keinen typischen Pub-Food: Keine Burgers, keine Chips, keine Pilze, kein Garlic-Bread. Stattdessen isst Julia einen Chicken-Salat, der sogar noch fein schmeckt. Und auch bei mir steht etwas völlig anderes auf dem Speiseplan: Rippchen mit Spätzle an einer Rotweinsauce. Dazu nehmen wir noch zusammen einen Teller frisches Gemüse. Es ist wirklich lecker und für unsere Mägen eine Wohltat. Hinter uns sitzt die einsame Wanderin aus Deutschland. Wir kommen in ein gutes Gespräch und sie erzählt uns von ihren Erfahrungen und ihrem Leben. Bis jetzt war sie noch eine der wenigen, die ihr Gepäck komplett selbst geschleppt hatte. Das hat sie mittlerweie aufgeben und geniesst nun auch das leichte Laufen… Julia und ich sitzen dann noch in den schönen Garten und schreiben ein wenig, bevor wir zwar totmüde aber schlafnichtfindend uns wach ins Bett legen.

Am nächsten Morgen sind wir beide nicht so guter Dinge. Der unruhige und wenige Schlaf, den wir beide hatten, zerrt an unseren Kräften. Auch geht der Tagesrythmus in diesem B&B bereits 30min vorher los, als wir es uns in den letzten 10 Tagen angewöhnt haben. Was das Abendessen war, ist das Frühstück nicht – wir kommen nicht auf unsere Kosten. Es gibt keine Früchte, keinen Joghurt und nur weissen Toast! Unsere Laune wird also nicht besser. Der Gastgeber fährt die Leute mit seinem Kombi wieder an den Ausgangspunkt zurück – die Hunde nimmt er aber diesmal nicht mit. So beginnen wir bereits um 08h45 mit Laufen. Ein kurzer aber intensiver Anstieg ist die Morgenaufgabe. Und dann erreichen wir eine Moorlandschaft, die im Gegensatz zu den letzten Tagen sehr wenig zu bieten hat. Auch die Aussicht hat wenig Reiz. Wenige Schafe, noch weniger Menschen begegnen wir auf dem Weg. Eines der wenigen Schafe kann ich dann aber sogar noch ganz kurz steicheln (Mission erfüllt). Irgendwann beschliessen wir beide, dass wir ein wenig Musik hören und so stopfen wir die Kopfhörer in die Ohren.

Nach genau 2 Stunden und 50 Minuten erreichen wir das Lions Inn auf dem Blakey Ridge. Mittlerweile hat sich das Wetter von leicht bewölkt hin zu leichtem Regen und starkem Wind gewendet. Der Wind kommt ausnahmsweise nicht von Westen her. Das heisst, er ist nicht in unserem Rücken – sondern in unserem Gesicht. Er bläst uns den leichten Regen direkt an. Wir sind froh, dass wir das Pub sehen. Es ist das 4. höchstgelegene Pub im britischen Königreich. Und so beginnen wir unsere obligatorische Pause bereits früher. Im Pub sind bereits die beiden Australier. Wir setzen uns neben sie und ich gehe an die Bar bestellen. Schock: Sandwiches gibt es erst ab 12 Uhr und es ist aktuell 11.30 Uhr. Meine Laune wird nicht besser. Wenigsten gibt es für Julia bereits einen Kaffee. Da wir am Morgen ein wirklich flottes Tempo hatten (wir hatten ja faktisch keine andere Wahl), beschliessen wir hier zu warten. Um 11h55 stürme ich erneut an die Bar und bestelle endlich die obligatorischen Sandwiches. Wir stärken uns für den zweiten Teil unserer Wanderung.

Um 12.30 Uhr raffen wir uns wieder auf gehen nach draussen und wollen weiter ziehen. Draussen ist es mittlerweile trocken und der Wind hat nachgelassen. Ich entscheide trotzdem mein leichtes Softshell über das T-Shirt anzuziehen. Julia hat schon ihre Regenjacke an. Wir machen die ersten paar hundert Meter. Ich bekomme kalt (ich – nicht Julia!). Anhalten. Rucksack auf. Polarschicht rausnehmen und anziehen, darüber das Softshell. Rucksack zu weiterlaufen. Dann beginnt es zu nieseln. Nicht wirklich regnen. Aber ist ein sehr unangenehmer Nieselregen, der zudem nicht vertikal von der Erdanziehungkraft angezogen wird, sondern ein sich horizontal in einem Orbit um die Erde befindlichen Nieselregen. Da ein paar hundert Meter weiter vorne das Wetter noch garstiger ausschaut, bleiben wir erneut stehen. Julia zieht unter ihre Regenjacke ihre Polarschicht und darüber ihre Softshellschicht. Ich entscheide mich für meine Überwurfspelerine. Was sich als absolut dumm erweist, bei diesem Wind. Also Pelerine wieder ab. Rucksack wieder auf. Hartschellschicht raus. Softschellschicht abziehen. Hartschellschicht anziehen. Softschellschicht in den Rucksack. Rucksack zu. Weiterlaufen. Wir folgen weiter dem Weg. Es zieht sogar etwas Nebel auf. Wir sehen eigentlich nichts mehr von der Landschaft und an eine Fernsicht ist schon gar nicht zu denken. Da der Weg die Himmelsrichtung ändert, ändert sich auch die Angriffsrichtung des Windes. Wir haben endlich etwas Glück. Er bläst uns nun in den Rücken. Wir ziehen über einen Gebirgskamm und der Regen hört auf. Ich bekomme langsam warm. Also stoppen wir wieder und ich ziehe meine Polarschicht ab und verstaue sie im Rucksack. Zwischendurch lesen wir auf einem Schild, dass in diesem Gebiet giftige Nattern und Zecken leben. Na schöne Aussichten! Julia regt sich über den immer wiederkehrenden Jackenumziehstopps von mir etwas auf und meint, ich sei sehr kompliziert! Denn nach wenigen Metern entschliesse ich mich dann auch das Hartshell in mein Softshell zu wechseln.

Irgendwann klart es auf. Und der Blick wird frei in ein wirklich schönes Tal. Der Tag wird irgendwie doch noch etwas versöhnlich. Wir holen die Australier wieder ein, die 45 Minuten vor uns vom Lions Inn gestartet sind. Die letzten Kilometer laufen wir mit ihnen zusammen, bis sie zu ihrem B&B abbiegen. Ihr B&B ist anfangs des Dorfes und unseres am ganz anderen Ende. Auf meiner App zeigt es mir an, dass wir noch 17 Minuten laufen müssen, bis wir es erreichen. Julia macht schon ganz grosse Augen, als sie die Zahl sieht, kann sich aber dennoch zusammenreissen. Wir spazieren also durch Glaisdale hindurch. Plötzlich sehen wir von weitem unser B&B. Es ist direkt hinter dem Bahnhof. So müssen wir durch den Bahnhof, streifen durch ein wildes Feld und erreichen das Gatter des Häusschens – müde und etwas erschöpft. Es gibt gleich eine Tasse Kaffee für Julia und einen Krug Tee für mich. Als wir uns retablieren und umziehen passiert die Überraschung: fliegende Zecken! Julia hat eine. Ich habe eine. Sie haben sich aber noch nicht festgebissen. Daher werden sie sofort fachgerecht behandelt (entsorgt im WC). Ich habe solche Dinger noch nie gesehen. Wenn aber Zecken fliegen lernen, dann sind dann bald auch fliegende Elefanten bei uns eventuell möglich… Anmerkung Julia: Ich habe diese fliegenden Dinger gleich gegoogelt: Es sind Hirschlausfliegen eben auch als fliegende Zecken bekannt. Unheimlich diese Dinger! Sie lassen sich einfach nicht zerdrücken!

Unsere inneren Uhren sagen, dass wir bald am Ziel ankommen. Entsprechend sind wir im Moment damit beschäftigt die nun aufbrechenden Wehwehlis unserer Körper in den Griff zu bekommen. Bei mir ist mein linker Oberschenkel, der ja immer etwas herumzickt, plötzlich wieder zur Überzeugung gelangt, dass er so richtig hart werden könnte. Auch mein rechter grosser Zehe hat gefunden, dass er eine kleine lokale Entzündung vom Zaun brechen könnte. Julia tapt mir den Oberschenkel, was wirklich eine Wohltat ist. Anmerkung Julia: Ich spüre meinen rechten Mittelfuss und meine linke Wade. Meinen Mittelfuss habe ich mir auch getapt. Unsere Wehwehlis müssen wir nur noch 32 Kilometer weit tragen. Dann sind wir am Ziel und haben es geschafft! Morgen Abend werden somit Duda und Topolino ihren Weg in die Nordsee finden und wir werden bestimmt darauf anstossen!

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