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Wo sich Spreu vom Weizen trennt

Kilometer gelaufen: 26.01km

Benötige Zeit: 7 Stunden 27 Minuten

Meter rauf: 1’100m

Meter runter: 1’044m

Höchster Punkt: 609m

Temperatur: 20 Grad

Viehzäune durchquert: 16

Heute war der erste Tag, an dem wir gegenüber einem „normalen“ Wanderpensum zwei Etappen hatten. Sprich: Während die meisten Wanderer einen Pass machen, haben wir – so als entspannendes Nachmittagsprogramm – einen zweiten Pass über die Hügel des Lake District gefressen. Alles aber der Reihe nach. In Rosthwaite (ich habe den Namen nie ausgesprochen und ich würde mir nie anmassen, diesen Namen je auszusprechen) haben wir ein „nobles“ Morgenessen genossen. Da wir ja nicht in einem B&B übernachteten, sondern in einem richtigen Hotel, war das Morgenessen doch etwas übiger. Es gab sogar Pancakes, mit Speck! Und Ahornsirup!! Die richtige Stärkung für mich. Dazu meinen obligaten Tee. Julia hatte ihren obligaten Kaffee bestellt. Als sie ihn sich aber in die Tasse goss, wollte sie schon nach meinem Tee greifen, im festen Glauben, dass Tee und Kaffee durch das vornehme Servicepersonal verwechselt wurde. Dem war aber nicht so – zu meiner Belustigung und Julias Frust.

Beim Morgenessen trafen wir aber auch auf alte Bekannte: Das ältere Paar aus Manchester. Sie berichteten uns, dass sie am Tag vorher bei der Strecke am See ziemlich gelitten hatten und nun auf eine ruhigere Etappe hofften. „Good luck and keep fingers crossed“ rief sie uns nach, als sie vor uns den Speisesaal verliessen. Ebenfalls im Speisesaal trafen wir auf zwei Familien, die uns schon am Tag vorher aufgefallen sind. Nach einer halben Stunde Fett reinschieben (für mich) und gesunde Früchte essen (für Julia), gingen wir nochmals aufs Zimmer, um alles noch für den Tag zu richten. Dann liefen wir los. Ich hatte bereits bei der Planung diese Etappe als eine der Schlüsselstrecken identifiziert. Damals aber noch ohne die Erfahrungen des englischen Kartenmaterials. Vor allem war klar, dass wir heute ziemlich Druck machen müssten, um 1. eine schöne Kaffeepause einlegen zu können und 2. eine mögliche zweite Gorillaaktion durchziehen zu können (wann kommt man schon am zweit höchsten Gipfel Englands vorbei). Der Weg zeigte sich anfänglich von seiner sonnigen Seite. Er zog sich am Talboden einem Fluss entlang, zwischen Bäumen und Steinmauern hindurch. Richtig romatisch und typisch für den Lake District halt. Nach zwei Kilometern dann wurde es etwas steiler. Bäume wichen Felsbrocken und man hatte das Gefühl, dass die Seinmauern hier oben sehr gezielt auf dem Weg verstreut wurden. Wir stiessen auf die beiden aus Manchester und die beiden Familien, die etwas über 30 Minuten vor uns gestartet waren. Beide Gruppen waren am Rasten. Wir zogen an ihnen vorbei, wobei sich die Familie direkt an unsere Fersen heftete. Dann kam es: ca. 150m Höhenmeter fast senkrecht in einer Wand (wer sich nun fragt, warum ich Genie das nicht wusste: WEIL ES NIRGENDS AUF DIESEN KARTEN SO VERZEICHNET IST!!!). Ein Teil der Familien zog direkt an uns vorbei, wobei ich so für mich dachte, dass das gut wäre, da ich dann nicht die nächte halbe Stunde mit Weg suchen im Felsen beschäftigt sein würde. Natürlich ging es gefühlte zwei Minuten, bis wir irgendwo im Judihui standen und ich die Führung übernehmen durfte. Nach dieser Wand kamen wir auf eine kleine Höhenebene namens Lining Grag. Dort trafen wir auf eine weitere bekannte Gruppe: Die Bourbakis rasteten dort. Julia und ich enschlossen uns, dass wir nun rasch weiter ziehen wollten und auch noch die letzten Höhenmeter dieses ersten Passes überwinden wollten. Sie montierte zum ersten Mal ihr Soft-Shell, nachdem sie noch am Morgen gefragt hatte, warum sie es den ganzen Tag in ihrem Rucksach ausführen müsse und nur dank meinem Insistieren wieder mitnahm. Nun stand sie da: schwarzes Soft-Shell, Kapuze oben, schware Sonnebrille. Offensichtlich ist der schwarze Block auch im Lake District angekommen… Wir stiegen die letzten rund 100 Höhenmeter auf den 609 Meter hohen Greenup Edge auf, den wir rund 2 Stunden nach dem Start erreichten. Oben gab es dann ein Gipfelselfie.

Wir stiegen in Richtung Grasmere ab. Zwar gab es keine Felswände, die man nach unten klettern hätte müssen, doch war dieser Abstieg sehr fordernd. Steine und Felsbrocken machten die Tour zur Hochkonzentrationsübung. Entsprechend schweigsam waren wir beide. Wir brauchten für den gesamten Abstieg gerade nochmals 2 Stunden. Dabei trafen wir noch auf das Australiertrio, das wir auch schon des öfteren angetroffen hatten.

Grasmere ist ein wunderbarer Fleck Erde – idyllischer und mehr englisch geht nicht. Wir gingen in ein Kaffee „Emma’s Deli“, wo Julia eine braune Brühe, einen Fruit Scone und ich ein Crepe mit Schinken und Käse bekam. Nach den letzten 4 Stunden (wobei die offizielle Zeitschätzung für diesen Abschnitt bei 5 Stunden ist) konnten wir uns so wirklich wieder erholen. Nach 40 Minuten brachen wir wieder auf. Schliesslich hatten wir ja eine zweite Tagesetappe als Nachmittagsprogramm auf unserer to-Do-Liste. Als wir gerade Grasmere verliessen kam uns dann, so zu sagen zum Abschied, die Familie entgegen. Sie trafen gerade erst ein. Der zweite Aufstieg des Tages war weniger anstrengend. Ein einfacher Weg, ohne viel Mühsal, einfach gut 500 Höhenmeter rauf. Vorbei zuerst an Bäumen, dann an Farmen, dann an Steinen. An dieser Stelle möchte ich etwas kurz beschreiben, dass mir in den letzten Tagen schon häufig aufgefallen ist: Das Versteckspiel der Schafe. In dieser Region von England gibt es wirklich viele Schafe. Sie sind überall und immer. Sie haben aber gerade in den höheren Regionen die Angewohnheit sich in den hohen Farnen zu verstecken, so dass man sie nicht sieht. Dafür blöken sie ununterbrochen, so dass man meinen könnte, man hätte es mit sprechenden Farnen zu tun. Der zweite Pass, Grisdale, ist ca. 600 Meter hoch und wurde von uns in gut 1 Stunde und 20 Minuten bezwungen.

Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt die Option einer neuerlichen Gorillaaktion offen gelassen. Da es aber bereits spät am Nachmittag war und das Wetter sich weiter verschlechterte, verzichtete ich darauf. So hüpften wir frohen Mutes die letzten 7.5km nach Patterdale. Das B&B war dieses Mal etwas schwierig zum finden, aber auch das gelang uns nach 15 Minuten. Ein nettes Häuschen mit einer langen Geschichte. Offensichtlich hat hier schon Wainwright himself genächtigt (ohne Witz jetzt).

Im Pub stiessen wir dann auf die Manchsterin. Sie hat in Grasmere die Segel gestreckt und das Taxi genommen. Als wir nun im Pub mit ihr sprachen, war ihr Mann immer noch unterwegs. Ich bin von diesen Zwei wirklich beeindruckt: Sie haben den gleichen Laufplan wie wir und der ist wirklich nicht easy. Zudem kommt der Weg, der ab und zu den Namen Weg nicht verdient. Und sie machen diese Abenteuer trotzdem… Noch kurz wer alles in Grasemere geblieben ist und so eigentlich das Spreu von diesem Kapitel ist: die drei Australier, die Familie und die Bourbakis.

Vielleicht wollt ihr eigentlich wissen, wie es uns physisch geht. Erstaunlicherweise habe ich bis jetz noch überhaupt keinen Muskelkater verspürt. Ich konnte es fast nicht glauben, denn ich bekomme sehr oft nach längeren Wanderungen immer Wadenmuskelkater. Dieses Mal blieb er aus! Dafür spüre ich meine kleinen Zehen und versuche jeden Morgen mit einer anderen Methode sie zu polstern, damit sie die nächsten 25km mitmachen. Somit stehe ich morgens 45 Minuten, bevor Sämis Wecker klingelt auf, mache mich fertig und tape mein rechtes Knie (es hat oft zu viel Spannung drauf und deswegen kann es immer wieder schmerzen). Danach kommen die Pflästerlis für die Zehen dran. Sämi hat etwas Mühe mit seinen Fussgelenken. Aber auch das liegt unter den Erwartungen. Auch er verspürt bis jetzt noch keinen Muskelkater! Er crèmt seine Beine abends mit Murmeltiersalbe (vom Ballenberg), die nach Pfefferminze riecht aber diesen Stoff gar nicht beinhaltet, ein. Er wurde ja am ersten Tag von der Sonne grilliert. Diesen Sonnenbrand hat er mehrheitlich im Griff! Er scheint nun seine Lektion für dieses Jahr gelernt zu haben. Sehen wir dann im nächsten Jahr, ob das Learning anhält…!

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